Die Göttlichkeit Jesu Christi in Hebräer 1: Eine exegetische und theologische Analyse

Das erste Kapitel des Hebräerbriefes ist ein meisterhafter Text der neutestamentlichen Christologie. Es steht im Zentrum der Argumentation des Autors, die Überlegenheit Jesu Christi über alle zuvor offenbarten Mittel göttlicher Selbstoffenbarung zu demonstrieren. Hier wird Jesus als der endgültige, göttliche Sohn dargestellt, der nicht nur die endgültige Offenbarung Gottes ist, sondern auch in einzigartiger Weise in die göttliche Identität eingebunden ist.

In dieser Untersuchung betrachten wir die Göttlichkeit Jesu Christi, wie sie in Hebräer 1 entfaltet wird.

Kontext und Struktur von Hebräer 1

Der Hebräerbrief wurde an eine christliche Gemeinschaft geschrieben, die offenbar von Rückschlägen und Zweifeln geplagt war, möglicherweise durch Verfolgung oder die Versuchung, zum jüdischen Glauben zurückzukehren. Der Verfasser beginnt seinen Brief mit einer feierlichen Erklärung über die endgültige und unübertreffliche Autorität Jesu Christi. Die Struktur von Hebräer 1 ist bemerkenswert:

1. Vers 1-3: Jesus als der endgültige Offenbarer und Träger der göttlichen Herrlichkeit.

2. Vers 4-14: Jesus’ Überlegenheit über die Engel durch eine Serie von alttestamentlichen Zitaten.

Die Verwendung des Alten Testaments in diesem Kapitel zeigt die Kontinuität und Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen in der Person Jesu Christi.

Exegese von Hebräer 1:1-3

Die letztendliche Offenbarung Gottes

Der Brief beginnt mit den Worten:

„Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern durch die Propheten geredet hat, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet durch den Sohn“ (Hebr 1,1-2a).

Der Kontrast zwischen den „Propheten“ und dem „Sohn“ betont die qualitative Überlegenheit der Offenbarung in Jesus. Die griechische Wendung ἐπ’ ἐσχάτου τῶν ἡμερῶν („am Ende dieser Tage“) weist auf die eschatologische Bedeutung dieser Offenbarung hin.

Der Verfasser beschreibt den Sohn weiter als denjenigen, durch den Gott die Welt geschaffen hat (δι’ οὗ καὶ ἐποίησεν τοὺς αἰῶνας) und als den „Abglanz seiner Herrlichkeit“ (ἀπαύγασμα τῆς δόξης) sowie das „Ebenbild seines Wesens“ (χαρακτὴρ τῆς ὑποστάσεως).

Diese Begriffe tragen immense theologische und philosophische Bedeutung:

• ἀπαύγασμα bedeutet „Ausstrahlung“ oder „Reflexion“ und zeigt, dass Jesus nicht nur eine Reflexion der göttlichen Herrlichkeit ist, sondern ihre perfekte Darstellung.

• χαρακτὴρ betont, dass Jesus das genaue Abbild der innersten Substanz Gottes ist. Hier wird eine Ontologie Christi beschrieben, die ihn direkt in die göttliche Natur einbettet.

Der Gedanke, dass Jesus „alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt“ (φέρων τὰ πάντα τῷ ῥήματι τῆς δυνάμεως αὐτοῦ), zeigt, dass Jesus aktiv in die Erhaltung der Schöpfung eingebunden ist – ein Attribut, das allein Gott zukommt.

Verbindungen zum Alten Testament

Die Sprache in Hebräer 1:1-3 erinnert an Psalm 2,7 („Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“) und 2. Mose 33,20-23, wo Gottes Herrlichkeit beschrieben wird. Der Gedanke, dass der Sohn die göttliche Herrlichkeit ausstrahlt, erfüllt die alttestamentliche Erwartung einer sichtbaren Manifestation Gottes.

Exegese von Hebräer 1:4-14

Die Überlegenheit Jesu über die Engel

Ab Vers 4 beschreibt der Autor die Überlegenheit Jesu über die Engel, was durch eine Reihe von Zitaten aus dem Alten Testament untermauert wird. Diese Zitate sind sorgfältig ausgewählt, um Jesu Göttlichkeit und seine einzigartige Rolle in der Heilsgeschichte zu betonen:

1. Psalm 2,7 (zitiert in Hebr 1,5): „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“

• Hier wird die Sohnschaft Jesu betont. Der Begriff „Sohn“ drückt keine bloße Funktion aus, sondern eine einzigartige Beziehung zu Gott, die auf göttlicher Ebene steht.

2. 2. Samuel 7,14 (zitiert in Hebr 1,5): „Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein.“

• Diese Stelle zeigt, dass Jesus der verheißene Messias ist, dessen Herrschaft ewig ist.

3. Psalm 45,7-8 (zitiert in Hebr 1,8-9): „Dein Thron, o Gott, bleibt in Ewigkeit.“

• Diese Stelle ist von zentraler Bedeutung. Hier wird Jesus direkt als „Gott“ angesprochen (ὁ θεός). Führende Gelehrte wie F. F. Bruce betonen, dass dies eine der klarsten Aussagen über die Göttlichkeit Jesu im Neuen Testament ist (The Epistle to the Hebrews, 1990). Auch Dr. Thomas Schreiner sieht diese Stelle als eine der stärksten Beweise für die Göttlichkeit Jesu. Er erklärt, dass der Vers eindeutig eine göttliche Anrede für Jesus verwendet und damit seine Identität als Gott unterstreicht. Schreiner merkt an, dass es keinen Raum für eine subordinale Deutung gibt, da der „Thron“ Jesu als „in Ewigkeit“ bestehend bezeichnet wird, was auf die ewige und unveränderliche Natur Gottes hinweist. (The Letter to the Hebrews, 2015, S. 57).

4. Psalm 102,25-27 (zitiert in Hebr 1,10-12): „Du, Herr, hast im Anfang die Erde gegründet.“

• Der Verfasser wendet diese Worte, die ursprünglich auf den Schöpfergott bezogen waren, direkt auf Jesus an. Dies zeigt, dass Jesus als Schöpfer und Herrscher über die Schöpfung angesehen wird.

Dr. James R. White zu Psalm 102 und Hebräer 1

Dr. James R. White, ein führender Gelehrter der reformierten Theologie, argumentiert in The Forgotten Trinity (1998), dass die Anwendung von Psalm 102 auf Jesus in Hebräer 1,10-12 ein starkes Zeugnis für seine Göttlichkeit ist. White schreibt:

„Die Tatsache, dass der Hebräerbriefautor diesen Text aus dem Alten Testament nimmt, der eindeutig an JHWH gerichtet ist, und ihn direkt auf den Sohn anwendet, zeigt, dass er die volle Göttlichkeit Jesu anerkannte. Jesus ist nicht nur ein Mittler, sondern wird als derselbe ewige und unveränderliche Gott dargestellt, der Himmel und Erde geschaffen hat.“ (The Forgotten Trinity, S. 98-99)

White hebt hervor, dass die Worte „Du, Herr“ (σύ, Κύριε) aus Psalm 102, ursprünglich an JHWH gerichtet, nun auf Jesus angewandt werden. Dies zeigt, dass der Hebräerbriefautor keinen Unterschied zwischen der göttlichen Identität Jesu und der JHWHs sieht. Jesus wird als Schöpfer und souveräner Herr über die gesamte Schöpfung dargestellt, was ein exklusives Attribut Gottes ist.

Die Göttlichkeit Jesu Christi: Ein theologischer Höhepunkt

Das erste Kapitel des Hebräerbriefes ist eine der tiefgründigsten Darstellungen der Göttlichkeit Jesu im Neuen Testament. Die Verwendung alttestamentlicher Zitate zeigt, dass Jesus der verheißene Messias ist, der Gott selbst offenbart.

Richard Bauckham argumentiert in Jesus and the God of Israel, dass der Hebräerbrief in einzigartiger Weise die Inklusion Jesu in die göttliche Identität betont:

„Der Hebräerbrief zeigt, dass Jesus nicht nur ein Mittler ist, sondern als der Schöpfer und Herr der Schöpfung direkt in die Gottheit eingebunden ist.“

Die Analyse von Psalm 102 durch Dr. James R. White verstärkt diesen Punkt und macht deutlich, dass Jesus der ewige und unveränderliche Gott ist, der in der Schöpfung und Erlösung handelt.

Fazit

Hebräer 1 ist ein zentraler Text der Christologie, der die Göttlichkeit Jesu Christi aufzeigt. Durch die Verwendung alttestamentlicher Zitate, die Analyse der griechischen Begriffe und die theologische Reflexion wird deutlich, dass Jesus als der Sohn Gottes und als Gott selbst dargestellt wird. Dieser Text bildet eine Grundlage für die christliche Anbetung Jesu als Gott und ist ein unverzichtbarer Bestandteil der neutestamentlichen Theologie.

Quellenangaben

1. F. F. Bruce, The Epistle to the Hebrews, NICNT, Eerdmans, 1990.

2. Richard Bauckham, Jesus and the God of Israel, Eerdmans, 2008.

3. William Lane, Hebrews 1-8, Word Biblical Commentary, 1991.

4. Leon Morris, New Testament Theology, Zondervan, 1986.

5. James R. White, The Forgotten Trinity, Bethany House, 1998.

6. Bruce M. Metzger, Lexical Aids for Students of New Testament Greek, 1991.

7. New American Standard Bible (NASB), Crossway,



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