
Der sogenannte „Vers des Schwertes“ (Sure 9:5) hat in der modernen islamischen Welt eine bedeutende Rolle gespielt, insbesondere bei islamistischen Bewegungen, die diesen Vers als Rechtfertigung für gewaltsame Dschihad-Aktionen anführen. Osama bin Laden, der 2003 in einer Predigt auf diesen Vers hinwies, erklärte, dass er von Allah offenbart worden sei, um „die Wahrheit zu etablieren und die Falschheit zu beseitigen“. Er verband diesen Vers direkt mit dem Ziel des Dschihads: der Errichtung eines islamischen Rechtssystems, das eine gerechte Gesellschaft gewährleisten solle (Bergen, 2006).
Der „Vers des Schwertes“ und seine Bedeutung
Der Vers 9:5 lautet im Wortlaut: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und wartet auf sie an jedem Hinterhalt.“ Dieser Vers hat in der islamischen Theologie und unter islamistischen Bewegungen eine herausragende Bedeutung, da er häufig als Rechtfertigung für den Krieg gegen Nicht-Muslime zitiert wird. Die klassische Exegese zu diesem Vers weist darauf hin, dass dieser Vers in einer Zeit der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den frühen Muslimen und den heidnischen Arabern offenbart wurde (Ibn Kathir, 1999).
Laut dem bekannten islamischen Gelehrten Ibn Juzayy, der im 14. Jahrhundert lebte, hebt dieser Vers „alle Friedensverträge im Koran auf“ und beendet damit jede Möglichkeit von Versöhnung oder Diplomatie mit den „Ungläubigen“. Besonders hervorzuheben ist, dass Ibn Juzayy erklärte, dieser Vers ersetze auch die Koranstelle, die sich mit dem Freikaufen oder der Versöhnung von Gefangenen befasst (Sure 47:4) (Ibn Juzayy, 1349). Diese Interpretation geht von der Vorstellung aus, dass der Dschihad die primäre Möglichkeit darstellt, den Islam zu verbreiten und den weltlichen Raum unter das islamische Recht zu stellen.
Die Aufforderung zum Kampf gegen Nicht-Muslime
Weitere klassische islamische Gelehrte, wie etwa al-Suyuti und Ibn Kathir, interpretierten diesen Vers als einen klaren Aufruf zum Kampf gegen Nicht-Muslime. Der berühmte Koranexeget Ibn Kathir schrieb, dass Muslime „nicht warten sollten, bis sie den Feind finden, sondern ihn aktiv suchen und belagern sollten“. Er betonte, dass die Ungläubigen entweder zum Islam übertreten oder vernichtet werden müssten. Diese Sichtweise unterstützt die Vorstellung, dass der Dschihad nicht nur eine Verteidigungsmaßnahme, sondern eine fortwährende Offensive darstellt, die auf die weltweite Ausbreitung des Islam abzielt (Ibn Kathir, 1999).
Ibn Kathir führte weiter aus, dass der Kampf gegen Ungläubige „auf der ganzen Erde, außer in den heiligen Gebieten“, fortgesetzt werden müsse. Das bedeutet, dass dieser Vers nicht nur für die Zeit Muhammads und die heidnischen Araber, sondern für alle Ungläubigen und in jedem historischen Kontext anwendbar sei. Der Dschihad ist somit eine fortlaufende Verpflichtung für Muslime, die nicht nur auf bestimmte geografische Gebiete oder historische Umstände beschränkt ist (Ibn Kathir, 1999).
Die These der Verteidigung und der „Kritiker des Islams“
Es gibt jedoch auch Versuche, diesen Vers im modernen Kontext zu entschärfen. Der islamische Gelehrte Muhammad Asad beispielsweise erklärte, dass der Vers 9:5 „auf keinen Fall eine Wahl zwischen Konversion oder Tod impliziert“. Er argumentierte, dass dieser Vers nur „im Falle von Selbstverteidigung“ angewendet werden dürfe, in Übereinstimmung mit Sure 2:190, die den Krieg nur zur Verteidigung gegen Angreifer erlaube. Asad ging weiter davon aus, dass die Konversion der Feinde zum Islam nur eine Möglichkeit und nicht die einzig erforderliche Bedingung sei, um „Feindseligkeiten zu beenden“ (Asad, 1980).
Die Mehrheit der traditionellen islamischen Exegeten, darunter auch die Tafsir al-Jalalayn, lehnen jedoch diese modifizierte Auslegung ab. Sie bestehen darauf, dass der Vers 9:5 eine klare und unmittelbare Anweisung zum Töten der Ungläubigen beinhaltet, unabhängig von deren Handlungen oder Provokationen. Die Muslime sind aufgefordert, die Götzendiener, „wo immer ihr sie findet“, zu töten, was eine universelle Anwendung des Verses für die gesamte Welt impliziert, nicht nur für eine historische oder geografische Situation (Tafsir al-Jalalayn, 2005).
Der Dschihad gegen abtrünnige Muslime und gegen nicht islamische Staaten
Ein weiteres interessantes Element der Diskussion um den Vers 9:5 ist seine Anwendung auf Muslime, die ihre religiösen Pflichten nicht erfüllen. Der islamische Jurist Ash-Shaf’i verwendete diesen Vers als Rechtfertigung, um gegen Muslime vorzugehen, die das Gebet oder die Zahlung der Zakat (Almosensteuer) verweigerten. Dies spiegelt die strenge Haltung wider, dass jeder, der sich von den Pflichten des Islam abkehrt, als „Ungläubiger“ betrachtet wird, der ebenfalls bekämpft werden muss. In diesem Zusammenhang erklärte Ibn Kathir, dass der erste Kalif Abu Bakr As-Siddiq diesen Vers als Rechtfertigung für den Kampf gegen „abtrünnige“ Muslime und für die Bekämpfung von „Ungläubigen“ heranzog, die sich weigerten, die religiösen Steuern zu zahlen (Ibn Kathir, 1999).
Diese Interpretation wird von modernen salafistischen Bewegungen übernommen, die heute viele muslimische Staaten, die nicht nach islamischem Recht regieren, als „Ungläubige“ bezeichnen und sie als legitime Ziele für den Dschihad betrachten. Dies führt zu der erschreckenden Perspektive, dass der „Heilige Krieg“ nicht nur gegen Nicht-Muslime geführt wird, sondern auch gegen Regierungen und Gruppen, die nicht strikt nach islamischem Gesetz handeln (Qutb, 1964).
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der „Vers des Schwertes“ (Sure 9:5) in der klassischen und modernen islamischen Theologie eine zentrale Rolle spielt. Die Interpretation dieses Verses variiert zwar, jedoch überwiegt in der islamistischen und salafistischen Auslegung die Auffassung, dass er eine weltweite Verpflichtung für Muslime darstellt, gegen Nicht-Muslime zu kämpfen und jene, die den Islam ablehnen oder von ihm abweichen, zu bekämpfen. In dieser Sichtweise wird der Dschihad nicht nur als defensive Maßnahme, sondern als dauerhafte Verpflichtung verstanden, die sowohl gegen Nicht-Muslime als auch gegen abtrünnige Muslime gerichtet ist. Die historische und theologische Bedeutung dieses Verses ist somit ein fundamentales Element in der Rechtfertigung von gewaltsamen islamistischen Bewegungen weltweit.
Quellen:
• Asad, Muhammad. The Message of the Qur’an. 1980.
• Bergen, Peter. The Osama bin Laden I Know: An Oral History of al-Qaeda’s Leader. Free Press, 2006.
• Ibn Kathir, Ismail. Tafsir al-Qur’an al-Azim. Dar al-Turath, 1999.
• Ibn Juzayy, Abu al-Qasim. Al-Tafsir al-Jalalayn. 1349.
• Qutb, Sayyid. Milestones. Islamic Book Service, 1964.
• Tafsir al-Jalalayn. Tafsir al-Qur’an al-Karim. 2005.
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