Der Engel des Herrn als präinkarnierter Jesus Christus: Eine biblische Analyse

Das Alte Testament offenbart in der Gestalt des Engels des Herrn nicht nur eine göttliche Person, sondern zeigt deutlich, dass es sich bei diesem Engel um den präinkarnierten Jesus Christus handelt. Diese Person wird sowohl mit Gott identifiziert als auch von ihm unterschieden, was bereits die Grundlage für die neutestamentliche Lehre von der Dreieinigkeit (Trinität) legt. Der Engel des Herrn tritt immer wieder in entscheidenden Momenten der Heilsgeschichte auf und handelt mit göttlicher Autorität. Er wird Gott genannt, akzeptiert Opfer, vergibt Sünden und spricht als Gott selbst.

Die Kirchenväter – darunter Justin der Märtyrer, Irenäus von Lyon und Johannes Calvin – sahen den Engel des Herrn nicht als bloße Erscheinung Gottes oder einen gewöhnlichen Engel, sondern als den vor seiner Menschwerdung existierenden Sohn Gottes. Diese Sichtweise wird durch zahlreiche Bibelstellen untermauert, die keine Zweifel an der göttlichen Identität und der spezifischen Funktion des Engels des Herrn als Jesus Christus vor seiner Inkarnation lassen.

Biblische Belege für die Identifikation des Engels des Herrn mit Jesus Christus

1. Der Engel des Herrn wird direkt als Gott identifiziert

Der Engel des Herrn wird in mehreren zentralen Texten des Alten Testaments eindeutig als Gott bezeichnet:

• 1. Mose 16,7-13: Der Engel des Herrn erscheint Hagar, spricht zu ihr als Gott und verheißt ihr eine große Nachkommenschaft. Hagar nennt ihn daraufhin: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

• 2. Mose 3,2-6: Der Engel des Herrn erscheint Mose im brennenden Dornbusch und sagt: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Mose erkennt, dass er vor Gott selbst steht, und verhüllt sein Gesicht.

• Sacharja 3,1-4: Der Engel des Herrn steht vor Josua, dem Hohepriester, und vergibt ihm symbolisch seine Sünden. Dies zeigt, dass er göttliche Autorität besitzt, denn die Vergebung von Sünden ist ausschließlich Gott vorbehalten (vgl. Jesaja 43,25; Markus 2,7).

Diese und weitere Stellen machen deutlich, dass der Engel des Herrn keine geschaffene Wesenheit ist, sondern Gott selbst – der Sohn Gottes, der vor seiner Menschwerdung auf der Erde wirkte.

2. Der Engel des Herrn spricht und handelt als Gott

Der Engel des Herrn spricht nicht im Auftrag Gottes, sondern direkt als Gott selbst:

• 1. Mose 22,15-18: Der Engel des Herrn bestätigt gegenüber Abraham den Bund Gottes mit ihm und sagt: „Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der Herr.“ Dieses Selbstzeugnis zeigt, dass der Engel des Herrn Gott selbst ist.

• 1. Mose 31,11-13: Der Engel des Herrn spricht zu Jakob und sagt: „Ich bin der Gott von Bethel.“ Diese Aussage bestätigt, dass der Engel des Herrn nicht einfach nur ein Bote, sondern Gott in Person ist.

• 2. Mose 23,20-21: Gott verheißt, einen Engel zu senden, in dem „mein Name ist.“ Der Engel wird als derjenige beschrieben, der Sünden vergeben kann und dessen Stimme gehorcht werden muss – Eigenschaften, die ausschließlich Gott zukommen.

3. Der Engel des Herrn wird als Retter und Mittler dargestellt

In Jesaja 63,9 wird der Engel des Herrn als derjenige beschrieben, der das Volk Israel in seiner Not errettet: „Nicht ein Bote oder Engel, sondern sein Angesicht hat sie gerettet.“ Hier wird deutlich, dass der Engel des Herrn selbst der Mittler des göttlichen Heils ist – eine Rolle, die im Neuen Testament Christus zukommt (vgl. 1. Timotheus 2,5).

In Sacharja 1,12-13 tritt der Engel des Herrn als Fürsprecher auf, der für das Volk Israel zu Gott spricht. Dies entspricht der Rolle Jesu Christi als Fürsprecher im Neuen Testament (vgl. Hebräer 7,25; 1. Johannes 2,1).

4. Der Engel des Herrn und das Opfer

Der Engel des Herrn akzeptiert Opfer, die allein Gott dargebracht werden dürfen:

• Richter 6,20-23: Gideon bringt dem Engel des Herrn ein Opfer dar, das dieser annimmt, indem er es durch ein Wunder verzehrt. Gideon erkennt, dass er Gott gesehen hat.

• Richter 13,19-22: Manoach und seine Frau opfern dem Engel des Herrn ein Ziegenböckchen. Als der Engel im Opfer verschwindet, rufen sie aus: „Wir haben Gott gesehen.“

5. Der Engel des Herrn wird als „Herr“ des Bundes angekündigt

In Maleachi 3,1 wird der Engel des Bundes als „Herr“ (hebr. adôn) bezeichnet – ein Titel, der Gott vorbehalten ist. Diese Stelle wird im Neuen Testament direkt auf Jesus Christus angewandt (vgl. Matthäus 11,10). Der Engel des Herrn ist also der angekündigte Retter, der den Bund Gottes erfüllt und erneuert.

6. Der Engel des Herrn vergibt Sünden

In Sacharja 3,3-4 wird Josua, dem Hohepriester, durch den Engel des Herrn die Schuld vergeben. Dies ist ein unmissverständlicher Hinweis auf die Göttlichkeit des Engels, da die Sündenvergebung im Alten und Neuen Testament allein Gott vorbehalten ist (vgl. Jesaja 43,25; Markus 2,10).

Der Engel des Herrn und die Trinität

Die alttestamentliche Darstellung des Engels des Herrn zeigt klar, dass dieser sowohl Gott genannt wird als auch von Gott unterschieden ist:

• Der Engel des Herrn wird von Gott gesandt (2. Mose 23,20-23; 4. Mose 20,16).

• Der Engel des Herrn spricht zu Gott (Sacharja 1,12-13).

Diese duale Darstellung lässt keinen Zweifel daran, dass der Engel des Herrn eine eigenständige Person innerhalb der Einheit Gottes ist. Im Licht des Neuen Testaments wird deutlich, dass diese Person niemand anderes als Jesus Christus ist, der vor seiner Menschwerdung aktiv im Heilsgeschehen Israels präsent war.

Theologische Bestätigung: Der Engel des Herrn ist Christus

Zahlreiche Theologen und Kirchenväter haben den Engel des Herrn eindeutig mit Jesus Christus identifiziert:

• Justin der Märtyrer (Dialog mit Trypho 56-60): Justin erklärt, dass der Engel des Herrn Christus ist, der vor seiner Menschwerdung sichtbar erschien.

• Irenäus von Lyon (Gegen die Häresien 4,7): Irenäus beschreibt den Engel des Herrn als den präinkarnierten Sohn Gottes, der den Willen des Vaters erfüllt.

• Johannes Calvin (Kommentar zu 2. Mose 3): Calvin argumentiert, dass der Engel des Herrn Christus ist, der sich Mose im brennenden Dornbusch offenbart.

• Michael Heiser (The Unseen Realm): Heiser betont, dass der Engel des Herrn in seiner Rolle als Mittler und Retter eindeutig auf Jesus Christus hinweist.

• Walter Kaiser Jr. (The Messiah in the Old Testament): Kaiser sieht den Engel des Herrn als den präexistenten Christus, der das Heil Gottes vorwegnimmt.

Zusammengefasst

Die alttestamentliche Darstellung des Engels des Herrn zeigt, dass dieser niemand anderes ist als der präinkarnierte Jesus Christus. Der Engel des Herrn handelt mit göttlicher Autorität, spricht als Gott, vergibt Sünden und wird von Menschen als Gott verehrt. Diese Tatsachen belegen, dass Jesus Christus nicht erst im Neuen Testament auftritt, sondern bereits im Alten Testament als Retter, Mittler und Gott aktiv ist. Der Engel des Herrn ist der Sohn Gottes, der vor seiner Menschwerdung das Heil seines Volkes vorbereitet hat – ein mächtiges Zeugnis für die ewige Göttlichkeit Christi und die Einheit der Dreieinigkeit.



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